Roter Oktober - Schwerpunktthemen
Aus Roter Oktober Nr. 3, Mai-Juni 2003
Zur kommunistischen Auffassung
von Tarifverträgen und anderen Teilaspekten des gewerkschaftlichen
Kampfes
Was ist ein Tarifvertrag?
Im Tarifvertrag werden die Arbeitsbedingungen, die erkämpft wurden,
schriftlich festgehalten. “Im Kampf schließen die Arbeiter
diesen oder jenen Vertrag, das ist aber nur eine Methode der Kräftesammlung
und nichts weiter”. [Lenin nach Die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition
Bd. 2, Verlag Rote Fahne; S. 146] Aber mit dem Abschluss eines Vertrags
sind, so man Zugeständnisse erzwingen konnte, diese nicht automatisch
für die Dauer des Vertrages gesichert. Nein, wir müssen diese
Sicherung im tagtäglichen Kampf verteidigen.
Das Kapital will die Löhne
senken
Ein wesentlicher Aspekt bei diesen Verträgen ist das Lohnniveau.
“Zu bestreiten, dass es im Interesse des Kapitalisten liegt, die
Löhne zu senken, wäre gleichbedeutend mit der Behauptung,
dass es nicht in seinem Interesse liegt, seinen Profite zu steigern”.
[Engels, Die Trade-Unions, Marx-Engels-Werke Bd. 19, S. 254]
Natürlich will die Kapitalistenklasse ihre Profite steigern und
natürlich versuchen sie deshalb auch, unsere Löhne zu senken.
Wie die Lohnforderungen stellen?
Sind die Lohnforderungen der Gewerkschaftsführung gering bzw. sorgen
sie gar für Lohnsenkung, so ist dies ganz im Sinne des Kapitals.
Ebenso, wenn Organisationen mit revolutionärem Anspruch die Forderungen
zurückschrauben, weil die Kampfkraft angeblich gerade nicht mehr
zulassen würde. Dieses Phänomen ist oft zu sehen. Nur zu gerne
klammert man sich an die Forderungen der Gewerkschaftsfunktionäre
und versucht, die volle Durchsetzung zu verlangen, auch wenn diese Forderungen
an sich schon viel zu gering waren. Ja, und so kommt es vor, dass
bestimmte Basisgewerkschaftsgremien höhere Forderungen stellen
als die selbsternannten Revolutionäre. Nun heißt dies aber
auch nicht, dass wir Forderungen stellen sollen, die absolut abwegig
sind, durchgesetzt zu werden - wie z.B. 200% mehr Lohn. Aber unsere
Forderungen dürfen nicht gering gewählt sein. Es müssen
Forderungen sein, die dem Kapital auch wehtun. Es geht ja nicht darum,
den Stand der Kampfeskraft der Arbeiterklasse beizubehalten -e man es
glauben will, wenn man die Forderungen mancher selbsternannter Revolutionäre
sieht, sondern ihn auszubauen und dazu sind kämpferische Forderungen
nötig. Stellt sich im Kampf heraus, dass eine bestimmte Marke nicht
durchsetzbar ist, so kann es natürlich auch rchtig sein, einen
Kompromiss einzugehen, der die Lage der Arbeiterklasse verbessert bzw.
je nach Kampfsituation eine Verschlechterung abwehrt.
Warum das Kapital aus dem Flächentarifvertrag
raus will
“Das Interesse jedes einzelnen Kapitalisten, seine Profite durch
Senkung des Lohns seiner Arbeiter zu steigern, erhöht einen neuen
Antrieb durch die Konkurrenz der Kapitalisten ein und derselben Produktionszweige
untereinander. Jeder von ihnen ist bestrebt, seine Konkurrenten zu unterbieten,
und wenn er seine Profite nicht opfern will, muss er versuchen den Lohn
zu senken. Auf diese Weise wird der Druck auf den Lohn, hervorgerufen
durch das Interesse jedes einzelnen Kapitalisten, infolge ihrer gegenseitigen
Konkurrenz verzehnfacht. Was vorher eine Frage größeren oder
geringeren Profits war, wird jetzt zu einer Frage der Notwendigkeit”.[ebenda
S. 255] Dies erklärt auch, warum die Kapitalistenklasse -
lieber heute als morgen - die Flächentarifverträge verlassen
würde und die Verträge im eigenen Betrieb aushandeln will.
Denn dies erleichtert den Konkurrenzkampf in ein und derselben Branche,
da der Kapitalist so versuchen kann, den Lohn mehr zu senken als sein
Konkurrent.
Wie kann ein höherer Lohn erreicht werden?
“Das Lohngesetz ist also nicht derart, dass es eine unbewegliche
starre Linie zöge. Innerhalb gewisser Grenzen ist es keineswegs
unerbittlich. Jederzeit (große Depressionen ausgenommen) gibt
es in jedem Erwerbszweig einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen
die Lohnhöhe durch die Ergebnisse des Kampfes zwischen den beiden
miteinander kämpfenden Parteien verändert werden kann. Die
Löhne werden in jedem Fall durch Feilschen festgesetzt, und beim
Feilschen hat der, welcher am längsten und wirksamsten Widerstand
leistet, die größte Aussichten, mehr zu erhalten […].
Das Lohngesetz wird durch den gewerkschaftlichen Kampf nicht verletzt;
Im Gegenteil, er bringt es voll zur Geltung. Ohne den Widerstand durch
die Trade-Unions [Gewerkschaften; Roter Oktober] erhält der Arbeiter
nicht einmal das, was ihm nach der Regel des Lohnsystems zusteht. Nur
die Furcht vor den Trade-Unions kann den Kapitalisten zwingen, dem Arbeiter
den vollen Marktwert seine Arbeitskraft zu zahlen”. [Engels, Das
Lohnsystem; Marx-Engels-Werke Bd. 19; S. 252f; Hervorhebungen von uns
vorgenommen]
Natürlich kann aber auch die Furcht der Kapitalisten vor der kommunistischen
Partei das Kapital zu Zugeständnissen zwingen. Das Entscheidende
für unsere oben gestellte Frage ist nun aber, dass nur der Kampf,
der hartnäckige und organisierte Kampf Zugeständnisse erzwingen
kann! Der friedliche Versuch, an die “Vernunft” des Kapitals
zu appellieren, wird demgegenüber zu keinem Erfolg führen
(sehen wir uns da z.B. auch das gescheiterte Bündnis für Arbeit
an). Auch eine Arbeitszeitverkürzung lässt sich nur durch
unseren Kampf durchsetzten. Wir haben gezeigt, dass nur ein organisierter
Kampf dem Kapital “Angst” machen kann. Aber welche Form
der Organisation ist dazu geeignet?
Hinein in die Gewerkschaft? In den Gewerkschaften arbeiten?
Wir haben dargestellt, dass die Gewerkschaftsführung, die Gewerkschaftsbürokratie
mit dem Kapital verflochten ist. Diese Verflochtenheit drückt sich
z.B. auch dadurch aus, dass Gewerkschaftsbonzen Jobs als Minister angeboten
werden. Oder das sie Posten in den Aufsichtsräten etc. bekommen.
Der Ex ÖTV-Vorsitzende Herbert Mai sitzt z.B. heute im Personalvorstand
der Frankfurter Flughafen AG. Auch durch die bürgerlichen Politiker/innen
wird die Verflochtenheit gesichert. So sind im Bundestag allein 80 Mitglieder,
die auch in Ver.di organisiert sind. [vgl. Ver.di-News 04.011.02; S.2;
dort sind auch die Namen veröffentlicht] Die Gewerkschaftsführung
hemmt den Kampf der Arbeiterklasse und verrät ihn tagtäglich
aufs Neue. Fakt ist aber auch, dass in den Gewerkschaften trotz des
anhaltenden Mitgliederschwunds noch knapp über 7,7 Millionen weitere
organisiert sind. [DGB-einblick 03.02.03; S.6] Wir sind also trotz der
reaktionären Gewerkschaftsführung der Meinung, daß es
unsere Pflicht ist, in den Gewerkschaften zu arbeiten. Wir dürfen
nicht den Fehler machen, aufgrund der Gewerkschaftsführung die
elementare Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeitermassen
zu verkennen wie es so manche “linke” Gruppen und Organisationen
wie die Autonomen, die Anarchisten oder Anarchosyndikalisten tun.
“Doch den Kampf gegen die 'Arbeiteraristokratie führen
wir im Namen der Arbeitermassen und um sie für uns zu gewinnen;
den Kampf gegen die opportunistischen und sozialchauvinistischen Führer
führen wir, um die Arbeiterklasse für uns zu gewinnen. Diese
höchst elementare und ganz augenfällige Wahrheit zu vergessen
wäre eine Dummheit. Und gerade diese Dummheit begehen die ‚linken’
deutschen Kommunisten, die aus der Tatsache, dass die Spitzen der Gewerkschaften
reaktionär und konterrevolutionär sind, den Schluss ziehen,
dass man … aus den Gewerkschaften austreten!!, die Arbeit in den
Gewerkschaften ablehnen!! Und neue, ausgeklügelte Formen von Arbeiterorganisationen
schaffen müsse!! Das ist eine so unverzeihliche Dummheit, dass
sie den größten Dienst gleichkommt, den Kommunisten der Bourgeoisie
erweisen können. Denn unsere Menschewiki sind wie alle opportunistischen
und sozialchauvinistischen und kautsyanischen Führer der Gewerkschaften
nichts anderes als ‚Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung’
[…].
Gerade die absurde 'Theorie’, wonach sich die Kommunisten an den
reaktionären Gewerkschaften nicht beteiligen dürfen, zeigt
am deutlichsten, wie leichtfertig sich diese 'linken’ Kommunisten
zur Frage der Beeinflussung der 'Massen’ verhalten und wie sie
mit ihrem Geschrei von den 'Massen’ Missbrauch treiben. Will man
der 'Masse’ helfen und sich der Sympathie, die Zuneigung, die
Unterstützung der 'Masse’ erwerben, so darf man sich nicht
fürchten vor Schwierigkeiten, darf man sich nicht fürchten
vor den Schikanen, den Fußangeln, den Beleidigungen und Verfolgungen
seitens der 'Führer’ (die als Opportunisten und Sozialchauvinisten
in den meisten Fällen direkt oder indirekt mit der Bourgeoisie
und der Polizei in Verbindung stehen) und muss unbedingt dort arbeiten,
wo die Massen sind. Man muss jedes Opfer bringen und die größten
Hindernisse überwinden können, um systematisch, hartnäckig,
beharrlich, geduldig gerade in allen denjenigen – und seien es
auch die reaktionärsten – Einrichtungen, Vereinen und Verbänden
Propaganda und Agitation zu treiben, in denen es proletarische oder
halbproletarische Massen gibt. Die Gewerkschaften und die Arbeitergenossenschaften
(diese wenigstens mitunter) sind aber gerade Organisationen, die Massen
erfassen. […] Millionen von Arbeitern in England, Frankreich,
Deutschland gehen zum erstenmal von der vollständigen Unorganisiertheit
zur elementarten, untersten, einfachsten […], zugänglichsten
Organisationsform, nämlich zu den Gewerkschaften über, während
die revolutionären, jedoch unvernünftigen linken Kommunisten
danebenstehen, 'Masse! Masse!’ schreien – und sich weigern,
innerhalb der Gewerkschaften zu arbeiten!!, und klügeln eine nagelneue,
blitzsaubere 'Arbeiter-Union’ aus, die unbefleckt ist von bürgerlich-demokratischen
Vorurteilen und frei von den Sünden zünftlerischer, eng beruflicher
Beschränktheit, eine 'Arbeiter-Union’, die angeblich eine
Massenorganisation werden (werden!) soll und die als Aufnahmebedingung
nur (nur!) die 'Anerkennung des Rätesystems und der Diktatur’
[…] fordert!!
Einen schlimmeren Unverstand, einen größeren Schaden für
die Revolution, als ihn die 'linken’ Revolutionäre anrichten,
kann man sich gar nicht ausdenken!” [Lenin, Der 'linke Radikalismus’,
die Kinderkrankheit im Kommunismus, Lenin-Werke Bd. 31, S. 37-39; Hervorhebungen
wie im Original]
Wir teilen Lenins Auffassung und sind der Meinung, dass es auch heute
wichtig ist, als Kommunisten in den Gewerkschaften zu arbeiten. Die
Arbeiterklasse braucht eine einheitliche Gewerkschaft. Wir haben uns
die Führung und deren Verflochtenheit mit dem Kapital nicht ausgesucht.
Es wäre auch eine Illusion zu glauben, wir könnten diese einfach
abwählen. Nein, wir müssen die Gewerkschaftsführung,
die Gewerkschaftsbürokratie entlarven. Wir müssen aufdecken,
dass ihr Handeln nicht im Interesse der Arbeiterklasse geschieht! In
unserem Kampf dürfen wir uns nicht darauf beschränken, nur
das zu tun, was der Gewerkschaftslegalismus zulässt.
Wir müssen dafür sorgen, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen
sich in der Gewerkschaft organisieren bzw. dafür sorgen, dass sie
nicht austreten.
Klar ist, dass die Gewerkschaftsführung bei der Zuspitzung des
Klassenkampfes unserem revolutionären Betriebskampf weitere Steine
in den Weg legen wird. Und seit jeher kommt es immer wieder zu Ausschlüssen
von kämpferischen Kolleginnen und Kollegen. Ist es also richtig,
die Gewerkschaften zu erobern?
Die Gewerkschaften erobern?
Die Gewerkschaftsführung und der bürokratische Gewerkschaftsapparat
stehen auf dem Boden des Kapitalismus. Sie setzten sich damit für
den Erhalt der kapitalistischen Ausbeutung ein. Sie arbeiten mit daran
(Beispiel neues Betriebsverfassungsgesetz), die enge Bindung mit dem
Kapital weiterzuführen. Sie sabotieren den Klassenkampf mit ihrer
Passivität. Sie machen sich die “Wettbewerbsfähigkeit”
zu eigen, um nach kapitalistischen Prinzipien möglichst verwertbar
zu agieren. Daran können wir kein Interesse haben. Was muss also
unser Ziel sein? Was sagte der Tätigkeitsbericht des ZK unter Führung
von Ernst Aust auf dem IV. Parteitag der KPD/ML dazu? “Jawohl,
die Gewerkschaften erobern! In der Vergangenheit wurde diese an und
für sich korrekte Losung in der Partei abgelehnt mit der Begründung,
man könne die Gewerkschaften, das heißt den Gewerkschaftsapparat
nicht erobern. Nun, wenn man darunter die mögliche demokratische
Abwahl […], die Entmachtung der Gewerkschaftsbürokratie durch
die Gewerkschaftsmitglieder versteht, so ist das natürlich illusionär.
Solange Gewerkschaftssekretäre und andere Funktionäre mit
Hochschulstudium per Zeitungsanzeige gesucht werden, ist da mit ‚Demokratie’
nicht viel zu machen. Eher wird die reaktionäre Gewerkschaftsführung
die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder ausschließen, als sich
ihrem Willen beugen. Sie, die ja selbst Teil der monopolkapitalistischen
Herrschaftsapparats ist, ist nur im Zuge der Proletarischen Revolution
zu entmachten.
Und
doch war es falsch […] die Losung von der Notwendigkeit der Eroberung
der Gewerkschaft abzulehnen. Die Ablehnung dieser Losung aber war es,
die zu eben der noch nicht überwundenen Unterschätzung der
Arbeit in den Gewerkschaften führte. Für uns heißt Eroberung
der Gewerkschaften ganz klar: Isolierung der reaktionären Gewerkschaftsführung
und –bürokratie durch die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder
und Übernahme der Gewerkschaftsführung durch revolutionäre
Vertreter. Wann das sein wird, können wir nicht voraussagen. Das
hängt von unserer guten Arbeit, aber auch von der Verschärfung
des Klassenkampfes und dem Heranreifen einer revolutionären Situation
ab” [zitiert nach, Weg der Partei 2-1979; S. 12]. Wir teilen diese
Auffassung! Wir werden die Gewerkschaften nicht den Reaktionären
überlassen, wir werden dafür kämpfen, sie systematisch
zu erobern.
Zu den Grenzen der Gewerkschaften und die Notwendigkeit der
Revolution
Die Gewerkschaften überschreiten derzeit nicht die Form des reinen
Tageskampfes. Sie verbinden den Tageskampf auch nicht mit der historischen
Alternative, dem Sozialismus und Kommunismus. Gleichzeitig “[…]
sollte die Arbeiterklasse die endgültige Wirksamkeit dieser tagtäglichen
Kämpfe nicht überschätzen. Sie sollte nicht vergessen,
dass sie gegen Wirkungen kämpft, nicht aber gegen die Ursache dieser
Wirkung; dass sie zwar die Abwärtsbewegung verlangsamt, nicht aber
ihre Richtung ändert. Sie sollte daher nicht ausschließlich
in diesem unvermeidlichen Kleinkrieg aufgehen, der aus den nie enden
wollenden Gewalttaten des Kapitals oder aus den Marktschwankungen unaufhörlich
hervorgeht. Sie sollte begreifen, dass das gegenwärtige System
bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger
geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen,
die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig
sind. Statt des konservativen Mottos: ‚Ein gerechter Taglohn für
ein gerechtes Tagwerk!’ sollten sie auf ihrem Banner die revolutionäre
Losung schreiben: ‚Nieder mit dem Lohnsystem’! ” [Karl
Marx, Lohn, Preis und Profit, Berlin, S. 69] D.h., wir dürfen uns
nicht auf einen reinen gewerkschaftlichen Tageskampf konzentrieren,
wir müssen den Tageskampf mit dem Endziel verbinden und auch revolutionäre
Losungen aufstellen. Wir dürfen folgendes im Lohn- bzw. Tarifkampf
nie vergessen: “Die Trade-Unions greifen demnach nicht das Lohnsystem
an. Aber nicht hoher oder niedriger Lohn bestimmt die wirtschaftliche
Erniedrigung der Arbeiterklasse: diese Erniedrigung liegt die Tatsache
zugrunde, dass die Arbeiterklasse, statt für ihre Arbeit das volle
Tagesprodukt zu erhalten, sich mit einem Teil ihres eigen Produkts begnügen
muss, den man Lohn nennt. Der Kapitalist eignet sich das ganze Produkt
an (und bezahlt daraus den Arbeiter), weil er der Eigentümer der
Arbeitsmittel ist. Und darum gibt er keine wirkliche Befreiung der Arbeiterklasse,
solange sie nicht Eigentümerin aller Arbeitsmittel geworden ist
– des Grund und Bodens, der Rohstoffe, der Maschinen etc. –
und damit auch Eigentümerin des vollen Produkts ihrer eigen Arbeit”.
[Engels, Das Lohnsystem, Marx-Engels-Werke Bd. 19; S. 253] Selbst bei
einer Lohnerhöhung, selbst bei einer Verkürzung der Arbeitszeit,
bleiben wir vom Kapital ausgebeutet und unterdrückt! Die Abschaffung
des Lohnsystems, der kapitalistischen Ausbeutung ist unser Interesse
und so gilt es zu begreifen, “dass der Kampf für höhere
Löhne und kurze Arbeitszeit und die ganze Tätigkeit der Trade-Unions
in ihrer jetzigen Form nicht Selbstzweck, sondern Mittel ist, ein sehr
notwendiges Mittel zu einem höheren Ziel: Der Abschaffung des Lohnsystems
überhaupt”. [Engels, Die Trade-Unions, Marx-Engels-Werke
Bd. 19; S. 260]
“Die Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkt des Widerstands
gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil,
sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen.
Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken,
einen Kleinkrieg gegen Wirkungen des bestehenden Systems zu führen,
statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten
Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlich Befreiung
der Arbeiterklasse”. [Marx, Lohn, Preis und Profit; S.70]
Unsere Forderungen und Losungen lauten:
Ø 5-Tage Woche, maximal 6 Stunden am Tag!
Ø 30 Stunden Woche bei vollem Personal- und Lohnausgleich!
Ø Kein Reallohnabbau!
Ø Rückzahlung der Reallohnverluste der letzten Jahre!
Ø Für eine deutliche Lohnerhöhung für die Arbeiter/innen
und Angestellten!
Ø Wieder her mit dem AVZ-Tag!
Ø Volles Weihnachts- und Urlaubsgeld für alle!
Ø Weg mit dem Ausbau der Ladenöffnungszeiten!
Ø Keine Flexibilisierung!
Ø Verbot von Leiharbeit!
Ø Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
Ø Weg mit den Hartzkonzept!
Ø Weg mit den Vorschlägen der Rürup-Kommission!
Ø Kein Abbau der Krankenversicherungsleistungen!
Ø Weg mit den Angriffen aufs Gesundheits- und Sozialsystem!
Ø Weg von unseren Renten!
Ø Ausbildungsplatz für alle!
Ø Übernahme aller Azubis!
Ø Verbot von Firmentarifverträgen!
Ø Flächentarifvertrag für alle!
Ø Kampf statt “Schlichtung”!
Ø Keine Einschränkung des Kündigungsschutzes!
Ø Keine Kriminalisierung von Streiks und anderer klassenkämpferischen
Maßnahmen!
Ø Weg mit der juristischen “Friedenspflicht” für
die Arbeiterklasse!
Ø Ausbau des Streikrechts! – Recht auf politischen Streik!
Ø Rein in die Gewerkschaft!
Ø Entwickeln wir den gemeinsamen Kampf mit den Klassengenossinnen
und –genossen der anderen Länder – lassen wir uns nicht
gegeneinander ausspielen
Ø Nieder mit dem Lohnsystem!
Ø Klassenkampf überall – bringt das Kapital zu Fall!
Ø Für den Aufbau der kommunistischen Partei in Deutschland!
Ø Für den Kommunismus!
Im Folgen möchten wir zeigen wie
wir, im Geiste dieser kommunistischen Auffassung, Kämpfe bewerten.
Natürlich werden die konkreten Kämpfe mit der Zeit unaktuell
es soll aber darum gehen, unsere prinzipielle Herangehensweise an konkreten
Beispielen zu dokumentieren.
Aus Roter Oktober Nr. 3, Mai-Juni 2003
Zur Ver.di-Tarifverhandlung
bzw. zur Reallohnsenkung
Gewerkschaftsführung groß getönt, aber nichts dahinter!
Wären wir Ver.di-Mitglieder doch
so naiv und würden glauben, dass die Gewerkschaftsführung
an einem wirklich konsequenten Kampf für unsere Interessen interessiert
wäre, so hätten wir gedacht “jetzt geht es los”,
als wir im Ver.di-Kalender des Bezirks Emscher-Lippe-Süd gelesen
haben:
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal dem Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für seine Sache des Feinds
wer für seine eigene Sache nicht gekämpft ha.
Bertolt Brecht
Die Reaktion des Kapitals auf
diese Forderung
Für die Arbeitgeber wurde der Innenminister des Bundes Otto Schily
(SPD), der bayrische Finanzminister Kurt Falthauser (CSU) und Bochums
Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber (SPD) ins Rennen gesetzt.
Gleich von Anfang an wiesen die Arbeitgeber, sprich das Kapital, auf
die schlechte Haushaltslage hin und lehnten die Ver.di-Forderung als
überzogen ab. Stüber hatte dann die dankbare Aufgabe, für
eine Nullrunde zu plädieren. [vgl. ebenda]. Er drohte mit einem
Stellenabbau und bot den Gewerkschaftsbonzen an, eine Nullrunde nicht
so offensichtlich erscheinen zu lassen. So könnte die Einkommenserhöhung
durch den Wegfall oder durch Einschnitte von “Sonderleistungen”
wie dem 13. Gehalt (“Weinnachtsgeld” genannt) oder der Ortszuschläge
ausgeglichen werden. [vgl. ebenda].
Damit wollte man die rund 3 Mio. Beschäftigten bei Bund, Ländern
und Gemeinden verarschen. Knapp 30% der Arbeiter/innen und Angestellten
in diesem Bereich sind in Ver.di organisiert [vgl. ebenda].
Das Kapital, welches kein Interesse an hohen Löhnen hat, da die
Profite, die Verwertung dadurch für sie sinkt, haben von Anfang
an mit Druck reagiert. So stärkte auch Schily schon bald die Nullrunden-
bzw. Ausgleichsforderung von Stüber [vgl. FR16.11.02; S.1]. Letzterer
bekräftigte seinen Weg mit dem Satz: “Wer Einkommensverbesserungen
haben möchte, muss Kompensation anbieten” [ebenda]. Also,
wer mehr Einkommen haben will, muss dafür geben. Und bei dieser
Rechnung käme dann eine Null bei der Lohnerhöhung heraus.
Das Geld, was man uns in die Hand geben will, zieht man uns gleich wieder
aus der Tasche!
Warnstreiks und Reaktionen
Und was sollte die Gewerkschaftsführung nun tun? Sie konnte dem
nicht klein beigeben, wollte ihr kämpferisches Antlitz behalten.
Sie wollte sich nicht dem Druck der Kolleginnen und Kollegen aussetzten,
die eine Lohnerhöhung forderten. Also drohte man auf die Nullrundenforderung
mit Streik [ebenda].
Die Stimmung in den Betrieben ging auch ganz klar in die Richtung, dass
nun Schluss mit der Lohnzurückhaltung der letzten Jahre sein muss.
Um die Entschlossenheit zu demonstrieren, begann Ver.di mit Warnstreiks.
Anfang Dezember 2002 nahmen daran z.B. in Hamburg, Schleswig-Holstein,
und Mecklenburg-Vorpommern ca. 6.000 Beschäftigte und in Baden-Würtenberg
12.000 Beschäftigte teil. [vgl. FR 11.12.02; S.4/ Zahlen laut Ver.di-Angaben].
Und zu diesem Zeitpunkt gab sich auch noch der Chef der Gewerkschaft
der Polizei, Konrad Freiberg, wortradikal, der vor 5.000 Streikenden
vor einem “Aufstand der Ordnungshüter” warnte [FR 19.12.02;
S.1]. Die Höhepunkte des Warnstreiks waren sicher der Streik der
Frankfurter – Flughafenfeuerwehr, der zur Streichung von 164 Flügen
führte und der Warnstreik in NRW mit ca. 30.000 Beteiligten. Ver.di-Chef
Frank Bsirske konnte sich seinen Applaus sicher sein, als er vor
ca. 4.000 Kolleginnen und Kollegen in Bochum die Arbeitgeber warnte,
dass ein “harter Wind” wehen würde, sollten weiter
an der Nullrundenforderung festgehalten werden [www.netscape.de Nachrichten,
6.12.02]. Doch diese Tarifauseinandersetzung zeigt mal wieder, dass
nicht entscheidend ist was man sagt, sondern was man tut!
Doch wie ist die Gewerkschaftsführung mit dem Ganzen umgegangen?
Sieht man sich das Ergebnis an, so wundert einen die Aussage von dem
Schlichter Koschnik nicht, der da sagte: “Die Arbeitgeber waren
nicht aufmüpfig und die Gewerkschaften bescheiden” [FR 30.12.02;
S.1]. Warum sollten auch die Arbeitgeber groß “aufmüpfig”
werden, es lief doch alles ganz gut für sie. Der Ver.di - Verhandlungsführer
Kurt Martin bot so z.B. gleich Kompromissbereitschaft bei der Laufzeit
des neuen Tarifvertrages an [vgl. ebenda].
Der Druck des Kapitals wurde mit der Drohung erhöht, dass Kommunen
damit drohten, aus den Arbeitgeberverband auszusteigen, sollten sich
3 + X % durchsetzen. Damit wären sie dann an den Tarifabschluss
nicht mehr gebunden.
Das Kapital hat natürlich kein Interesse an Streik, da dies immer
Ausfälle bedeutet. Und so sorgte man auch diesmal für Drohungen,
um einen Streik zu verhindern. So warnte Schily: “Ein Streik führt
automatisch zu einer Nullrunde” [FR 09.01.03; S.1]. Wir sollten
also das “kleinere Übel” wählen, ohne überhaupt
unsere Kampfkraft einzusetzen. Und dafür sorgte auch die Gewerkschaftsführung.
So behauptete der frühere ÖTV-Chef Herbert Mai, dass ein Streik
negative Folgen für die Beschäftigten hätte. Und er argumentierte
mit der Drohung der Arbeitgeber, dass diese dann nicht im Arbeitgeberverband
bleiben würden [vgl. FR. 04.01.03; S. 1]. Es kam zu dem Abschluss,
den wir noch darstellen werden. Und wie immer hörte man von den
Vertretern des Kapitals nur Geheule, so als wäre das Ganze nicht
in deren Sinne gelaufen. Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident
(CDU) von Sachsen-Anhalt, meinte, dass der Abschluss “zu hoch
und unfair” sei. Sachsens Finanzminister Horst Metz (CDU) kündigte
seine “Zustimmung trotz großer Bauchschmerzen” an.
“Wir sind bis an die äußerste Grenze des Vertretbaren
gegangen”, führte er aus [SZ 11-12.01.03; S. 6]. Immer wieder
wurde die Finanznot der Kommunen in Zusammenhang mit den Tarifverhandlungen
gebracht. Dabei erkannte selbst der Frankfurter Rundschau – Kommentator
Michael Grabenströer dass die Tarifabschlüsse nicht die Ursache
dieser Lage sind: “Klar, sie schieben in Kommunen, Ländern
und Bund einen Schuldenberg vor sich her und verwalten den Mangel. Doch
das hat ursächlich nichts mit Tarifabschlüssen zu tun”
[FR 08.01.03; S. 2]. Oder auch die Frankfurter Oberbürgermeisterin
Petra Roth (CDU) erkannte, dass das Defizit in den öffentlichen
Kassen ein “Fehler in unserem Finanzsystem” sei. Na gut,
dass Roth die Ursache nicht im Gesellschaftssystem, dem Kapitalismus,
sieht, so wie wir es tun, war zu erwarten.
Der Abschluss bedeutet für uns, nach dem Ende des Geldes ist
noch viel Monat übrig
Der Abschluss: 106 Mitglieder der Ver.di Bundestarifkommission stimmten
dem Tarifvertrag zu. Nur 18 stimmten dagegen und weitere 5 enthielten
sich [vgl. JW 11-12.01.03; S.6 bzw. SZ 11-12.01; S.1]. Die Gewerkschaftsführung
feierte das Ergebnis als Erfolg. 4,4 % rechnete uns die Gewerkschaftsführung
vor. Doch es gibt Gründe genug, sehr skeptisch zu sein. Denn diese
Rechnung ist eine Verfälschung der Realität
Fassen wir zusammen:
Man wollte “deutlich über 3% - Laufzeit 12 Monate”.
Einige Bezirke forderten hingegen 6-6,5%.
Die Laufzeit beträgt nun aber 27 Monate (also läuft Ende Januar
2005 aus). Selbst das Kapitalistenblatt Financial Times Deutschland
wunderte sich über die “ungewöhnlich lange Laufzeit”
[10.01.03].
Es gibt eine Einmalzahlung, dann eine 2,4 % Erhöhung 2003, und
zwei weitete 1% Erhöhungen im Januar bzw. Mai 2004. Fasst man dies
nun zusammen und rechnet es auf ein Jahr um (geplant waren ja 12 Monate
Laufzeit), so kommen wir auf 1,5% Erhöhung pro Jahr. Das ist nicht
mal die Hälfte von “deutlich über 3%”.
Was bedeutet der Abschuss für unser Portemonaie? Der Wegfall des
Arbeitszeitverkürzung- (AZV-) Tags minimiert die Erhöhung
um 0,4%. Durch das Einfrieren des Weihnachtsgeldes und die Kürzungen
beim Altersaufstieg gehen weitere Zehntel von den verliebenden 1,1 %
ab. Die Teuerungsrate lag im Jahre 2002 bei 1,3%. Und dann sind wir
schon im Minus, sprich wir zahlen drauf! Und dieses Minus wird noch
größer, sollte die Teuerungsrate wieder steigen. 1999 lag
sie z.B. bei 2,5% [vgl. WAZ 15.01.03, S. WIR1]. Die steigenden Renten
und Krankenversicherungsbeiträge sind jetzt noch nicht einmal berücksichtigt.
Ebensowenig der in den letzten Jahren deutlich angestiegene Spritpreis.
Die Forderung “100% Angleichung Ost – Stufenplan bis spätestens
2007”, die eh schon ein auf-die-lange-Bank-Schieben bedeutet hat,
wurde auch nicht durchgesetzt. Erst 2009 soll es dazu kommen.
Wo bleibt der Ausgleich für die letzten Jahre? Sehen wir uns die
“Erhöhungen” der letzten Jahre an: Im Jahre 2000 betrug
das Tarifergebnis im Öffentlichen Dienst 1,8 % (übrigens,
in der Gesamtwirtschaft 2,4%) [vgl. SZ 11-12.01.03; S.6]. In diesem
Jahr betrug aber die Teuerungsrate 1,9% was bedeutete, dass man schon
allein dadurch 0,1% weniger Lohn erhielt. Im Jahre 2001 war das Ergebnis
des Öffentlichen Dienstes 1,3 % (Gesamtwirtschaft 2,1%). Die Teuerungsrate
betrug 2001 aber 2,5%, was im Öffentlichen Dienst ein Lohnminus
von 1,2% bedeutet hat [vgl. WAZ 15.01.03, S. WIR1 bzw. vgl. SZ 11-12.01.03;
S.6].
Hätte die Gewerkschaftsführung keine Reallohnkürzung
gewollt, so hätte sie allein deswegen rückwirkend ab 2000
eine Lohnerhöhung von 0,1%, rückwirkend für 2001 1,2%
und einen Inflationsausgleich für 2002 und 2003 fordern müssen.
Dann hätte sie nicht den Wegfall des AZV-Tags etc. unterschreiben
dürfen.
Wir haben gerade gezeigt, dass das Ergebnis der Gesamtwirtschaft in
den letzten Jahren “höher” war. Interessant ist dabei
nun aber auch, dass die Arbeitszeit im Öffentlichen Dienst höher
ist als die in der gesamten Wirtschaft. Die Wochenarbeitszeit betrug
dort 2001 im Westen 37,4 im Osten 39 Stunden. Im öffentlichen Dienst
waren es im Westen 38,5 (+1,1) und im Osten 40 (+1) Stunden in der Woche.
Übrigens hat man sich auch geeinigt, das Tarifrecht im öffentlichen
Dienst bis Ende 2004 zu “modifizieren” [vgl. SZ 11-12.01.03,
S. 6]. Das bedeutet, dass das Kapital weitere Angriffe vorhat (dazu
unten mehr!).
Wir werden immer produktiver: Oder mal so betrachtet. Von 1992 -2002
ist unsere Produktivität (glaubt man den Zahlen und geht nicht
davon aus, das sie noch höher gestiegen ist) um 20% gestiegen.
Durch steigende Produktivität ziehen die Kapitalisten natürlich
auch mehr Geld aus unserer Arbeit. Wenn nun selbst sozialdemokratische
Gewerkschafter einen Produktivitätsausgleich verlangen, so können
wir schon bei 24 Monaten Laufzeit (es sind ja 27) 2,6% mehr Lohn verlangen,
wenn wir unterstellen, dass der Produktivitätszuwachs bei 1,3%
im Jahr bleibt (wie 2002). Würde er hingegen auf die Marke von
1994 steigen, wären es 5,2% [vgl. isw-wirtschaftsinfo Nr. 35; S.8].
Ein Produktivitätszuwachs ist mit einer Intensivierung der Arbeit
bzw. mit höheren Anforderungen an uns Arbeiterinnen und Arbeiter
verbunden. Das ist natürlich auch anstrengender. Wo ist die Entschädigung
dafür?
Reallohnsenkung, nein danke! Alles in allem müssen wir feststellen,
das Kapital zieht uns mehr aus der Tasche, als man uns rüberreicht.
Die 4,4%-Rechnung ist eine Mogelpackung! Und dann noch 4,4% Reallohnsenkung
in der letzten Zeit. Die Produktivität ist aber um 20% gestiegen,
was sollen da zurückhaltende Forderungen? Die Lebenshaltungskosten
sind zwischen 1992 und 2002 um 26,8% angestiegen [vgl. isw-wirtschaftsinfo
Nr. 35; S. 9]. Die Steueranteile, die insbesondere wir, als VerbraucherInnen
und Lohnabhängige zahlen, steigen an. Die Lohnsteuer ist
von 30,5 % der Gesamtsteuereinnahmen (1980) auf 31,9 % (2002), die Verbraucher-
und Mineralölsteuern etc. von 17,9 auf 21,3% angestiegen. In der
Lohnsteuer ist der Solidaritätszuschlag noch nicht mal berücksichtigt
[ebenda; S.24].
Immense Lohnsteigerungen in den Vorstandsetagen: Wir sollen immer mehr
zahlen. Aber wie gehen die Kapitalisten mit den eigenen Löhnen
um, fallen die auch?
Ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank bekommt ein Jahresgehalt (inklusive
der Bonus-Leistungen) 7,06 Mio €. Die Lohnentwicklung von 1997
bis 2001 machte einen Sprung von 474%! bei der Deutschen Telekom um
166%, Schering 180%, Hypo Vereinsbank 288% Volkswagen 42%, Infineon
447%, e.on 144%, Linde 118%, DaimlerChrysler 96%, Metro 64% usw. Von
der Bescheidenheit, die das Kapital von uns immer fordert, ist hier
absolut keine Spur. Unsere Forderungen dürfen nicht schon vor den
Tarifverhandlungen, bevor sich gezeigt hat, wie die Kampfkraft ist,
eine Niederlage festschreiben!
Unsere Arbeitszeit wächst trotz Lohnsenkung: Nicht zu vergessen
ist, dass die durchschnittliche Jahresarbeitszeit im Westen erstmals
wieder gestiegen ist (die Überstunden etc. sind darin nicht enthalten).
Und dies um im Durchschnitt eine halbe Stunde auf nun 1643 Stunden im
Jahr. D.h. es wird mehr gearbeitet und dennoch gibt es real weniger
Lohn!
Unser Fazit: Wir müssen resümieren, diese Tarifrunde war eine
Niederlage der Arbeiterklasse und somit eine Sieg fürs Kapital.
Wir haben es nicht verstanden, den Kampf in der Weise zu führen,
dass wir Zugeständnisse vom Kapital erzwingen hätten können.
Ein Grund dafür ist der Verrat der Gewerkschaftsführung. Aber
dahinter dürfen wir uns nicht verstecken. Ein weiterer und ausschlaggebender
Grund ist, dass die revolutionären, die kommunistischen Kräfte
schwach sind, dass es keine Starke kommunistische Organisation gibt,
die den konsequenten Kampf führt und organisiert. Eine Organisation,
die in der Lage ist, durch Massenaktionen, selbstständige Streiks
etc. die Arbeiterklasse zu organisieren, den Gewerkschaftslegalismus
- wo nötig - zu durchbrechen. Aber auch in Zeiten der Schwäche
dürfen wir uns nicht zurückziehen, dürfen wir unsere
Forderungen nicht defensiv ausrichten, sondern müssen wir versuchen
- wo und wie es nur geht -, den Widerstand, den Kampf zu organisieren.
Natürlich heißt dies auch nicht, dass wir fahrlässig
agieren dürfen, Kolleginnen und Kollegen in aussichtslose Kampfsituationen
schicken, die mit schweren Konsequenzen bestraft werden. Dies wäre
nicht verantwortungsvoll. Es ist aber von großer Bedeutung die
klassenkämpferischen Kolleginnen und Kollegen zusammen zu führen
und gemeinsam geplant zu agieren!
Wir waren eigentlich vorgewarnt, durch die Tarifrunde aus dem
Jahre 2000
Eigentlich waren wir ja vorgewarnt, aus der Tarifrunde des Jahres 2000.
Auch da wurde versucht, uns mit Rechentricks zu täuschen. Das Ergebnis
der ÖTV-Tarifrunde sah eine monatliche Einmalzahlung von
100 DM für April – Juli 2000 vor. Dann ab August 2000 eine
Erhöhung um 2% und ab September 2001 um 2,4% [vgl. www.boeckler.de].
Die Verbraucherpreise stiegen im Jahr 2000 um 1,9%, da die Erhöhung
um 2% aber erst ab August bezahlt wurde, war dies schon ein Reallohnverlust.
Im Jahre 2001 betrug die Inflation 2,5%, wodurch die 2,4% Lohnerhöhung
auch ein Reallohnverlust bedeuteten [vgl. WAZ 15.01.03; S.WIR1]. Da
die Laufzeit nun aber erst am 31.102002 auslief, kam noch die Inflationsrate
von 1,3% hinzu, was ein weiteres Minus in der Real-Lohntüte bedeutete.
Aber uns rechneten das Kapital und der damalige ÖTV-Gewerkschaftschef
Mai vor, dass 2 + 2,4% eine Lohnerhöhung von 4,4% bedeuten würden.
Und die Laufzeit war auch damals immens. Die Taktik des Kapitals, eine
lange Laufzeit durchzusetzen, wurde nicht konsequent genug enttarnt
und bekämpft. Auch die Forderung “Gleicher Lohn für
gleiche Arbeit” wurde einst auf die lange Bank geschoben. Ab August
2000 wurde das Einkommen im Osten auf 87, ab Januar 2001 auf 88,5 und
von Januar bis Dezember auf 90% des Westniveaus erhöht. Die Konsequenz
aus dieser Tarifrunde hätte - bei der 2002-2003 Tarifrunde des
Öffentlichen Dienstes - eine Offensive sein müssen. Eine Offensive,
bei der wir den Verlust der letzten Jahre zurückfordern.
Tarifabschluss 2002, wirklich 2,7% im Schnitt? Vergleich der Tarifabschlüsse
in Europa
Die Steigerung durch die Tarifverhandlungen in der gesamten Wirtschaft
liegt bei 2,7%. [WSI-Zahlen für 2002 nach ver.di-News 15.02.03;
S.5.] Wie wir oben am Beispiel des Öffentlichen Dienstes gezeigt
haben, heißt diese Zahl an sich erst einmal gar nichts, kann sie
gar eine Lohnsenkung bedeuten, je nachdem, was für andere Komponenten
in den einzelnen Branchentarifverträgen mit beschlossen wurden,
welche Laufzeiten es gibt etc. Die 2,7%-Zahl relativiert sich aber schon,
wenn wir die Einkommensentwicklung von 1997-2001 im Jahresdurchschnitt
betrachten [hier ist zu bedenken, dass die Prozentzahlen über den
Reallohn erst einmal nichts aussagen]. Dann kommt man in der BRD auf
1,9%. Interessant ist, dass Deutschland damit hinter Belgien (2,4),
Italien (2,5), Österreich (2,7), Spanien (2,8) Frankreich (3,3),
Finnland (3,7) und den Niederlande (4,1) steht, dass Deutschland deutlich
unter dem EU-12-Durchschnitt von 2,7% hinterher hingt. [Wochenbericht
des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Nr. 1-2/2003,
nach ver.di-News 15.03.03; S. 5]
Kommen wir aber zurück zu dem 2,7 %-Schnitt: laut dem Statistischen
Bundesamt stieg der effektive Verdienst keineswegs um 2,7%. Brutto stiegen
die Gehälter durchschnittlich um 1,7% (30 €) auf 2.200 €.
Durch die Steuern bedingt wuchsen die Einkommen hingegen aber nur um
1% [nach FR. 04.02.03; S.15]. Was davon durch die Preissteigerungen
übrig bleibt, können wir uns nicht nur denken, sondern haben
wir 2002 jeden Monat auf unseren Kontoauszügen gesehen: NICHTS!