Roter Oktober

Juli 2005

Keine sexuelle Befreiung ohne Revolution!

Der Christopher Street Day mit all seinen Ablegern in der ganzen Welt hat eine lange Tradition. Im Kampf gegen homophobe Hetzjagden und reaktionäre Diskriminierung hat sich die homosexuelle Bewegung erhoben und manifestiert ihre Rechte – jedes Jahr aufs Neue.

Die Lebenspartnerschaft – ein Erfolg?
Die gesellschaftliche Diskriminierung findet ihre eindeutige Ergänzung durch staatliche Gesetze. Da kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die sogenannte Homo-Ehe legalisiert werden soll. Denn nach wie vor ist die homosexuelle Ehe gegenüber der heterosexuellen Ehe diskriminiert: das Erbrecht ist liminiert (vgl. § 10 LpartG), steuerrechtliche Vorteile bei weitem nicht so ausgeprägt wie bei Verträgen zwischen heterosexuellen Paaren und vielfältige bürokratische Hürden erschweren Homosexuellen das Recht, was uns scheinbar gegeben werden soll – so zum Beispiel bei der Namensgebung und –änderung (vgl. Gigi, Jan./Febr. 05, S. 21).
Somit ist die sogenannte Homo-Ehe nichts anderes als die Festschreibung einer etwas verschobenen Diskriminierung – im Namen der Gleichberechtigung.

Bürgerliche Parteien auf Wählerfang
Die Grünen ließen Anfang Juli auf ihrem Parteitag verkünden, sich für die Gleichberechtigung Homosexueller einsetzen zu wollen. Der Kampf gegen die Diskriminierung hat Einzug in die bürgerlichen Parteien gefunden. Dies ist auch nicht verwunderlich, machen die Homosexuellen doch einen bedeutenden Teil der Bevölkerung aus – verdeckt und offen. Im Rahmen des um sich greifenden Wählerfangs wird dann natürlich auch nicht vor haltlosen Versprechungen zurückgeschreckt. Was dann dabei herauskommt, sehen wir tagtäglich aufs Neue: Auszubildendenplätze werden an Homosexuelle nicht vergeben, AIDS wird als sog. Schwulenproblem dargestellt, Mobbing wegen Ablehnung der Zwangsheterosexualität wird toleriert und vieles mehr.

Die Wurzeln der Diskriminierung
Die wesentliche Frage liegt in der bürgerlichen Familienordnung begründet. Homosexualität hat es gegeben, seit es die Menschheit gibt. Bzw. anders herum formuliert: es gab eine lange Zeit in der Geschichte der Menschheit, in der alle Bedürfnisse ohne gesellschaftlich-normierte Schranken ausgelebt wurden, sofern sie auslebbar waren.
Mit der Möglichkeit, dass die Arbeitskraft eines Menschen mehr produzieren konnte, als sie zu ihrer eigenen Reproduktion benötigten, entstand das Privateigentum. Dadurch wurde es sinnvoll, Kriegsgefangene nicht mehr zu töten, sondern für sich arbeiten zu lassen und sie auszubeuten. Die erste Klassengesellschaft entstand.
Mit dem Privateigentum stellte sich auch die Frage der Vererbung und mit ihr die Frage der Zentralisation angeeigneten Privateigentums. Die Frau wurde ihrer Rechte beraubt und dem Manne Untertan. Er war es nun, der das Privateigentum besaß und sie wurde durch die aufgezwungene Monogamie genötigt, das Privateigentum nur an die biologischen Kinder des Mannes zu vererben. Damit begann die sexuelle Unterdrückung, die bis heute mit vielfältigen gesetzlichen und moralischen Mitteln durchgesetzt wird.
Indem die Sexualität nun zu einem wesentlichen Stützpfeiler der neuen Gesellschaftsordnung wurde, veränderte sich auch das gesellschaftliche Zusammenleben immens. Die offene Gesellschaft, die sich in Gens, also Stämmen organisiert hatte, wurde zugunsten der Familienordnung zerschlagen, wobei Familie vom lateinischen Begriff familia kommt, der alle Besitztümer des Mannes umfaßt, einschließlich der Sklaven und Frauen.
Die Zwangsheterosexualität bekam mehr und mehr die Vorherrschaft. Während gerade noch in der Antike die Homosexualität unter Männern als die Lust-, die Sexualität mit Frauen als die Fortpflanzungssexualität betrachtet wurde, änderte sich dies noch mal qualitativ mit dem 17. Jahrhundert. Verhaltenscodexe zur Sexualität wurden vor allem über die christliche Kirche in den Mittelpunkt gesellschaftlichen Interesses und vor allem gesellschaftlichen Urteils gerückt. Plötzlich wurde aus freierer Sexualität Krankheitsbilder und die vielfältigen Wissenschaften – von Medizin, über Psychologie und Soziologie – nehmen sich bis heute der Sexualität der Menschen an.(vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, S. 45ff.)
Dadurch, dass die erzwungene Monogamie und die Zwangsheterosexualität wesentliche Stützpfeiler auch der bürgerlichen Gesellschaftsordnung sind, nährt sie Tag für Tag die Diskriminierung. Darüber können auch noch so gut gemeinte Lippenbekenntnisse demokratischer Aufklärer nicht hinweghelfen.

Die KommunistInnen und die Homosexualität
Wir Kommunistinnen und Kommunisten kämpfen für eine befreite Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen lebt und handelt. Ohne Raum für unterdrückte Sexualität, weil es keinen Grund mehr gibt, die Bedürfnisse der Menschen zu unterdrücken. Wo schon die Frage nach dem Geschlecht gegenstandslos wird, da es keine gesellschaftlich bestimmten Schranken mehr geben wird, die die Menschen kategorisieren. Für den Kommunismus!
Heute, hier im Kapitalismus ist die homosexuelle Bewegung ein Vortrupp in der Thematisierung der sexuellen Frage, zum anderen ist sie naturbedingt eine äußerst ungleichartige Bewegung, denn Homosexualität existiert über alle Klassen hinweg.
Das verringert jedoch auch die Durchsetzungskraft der homosexuellen Bewegung, denn Teile der Kapitalistenklasse haben keinen Grund, gegen die Diskriminierung am Arbeitsplatz auf die Straße zu gehen, während Teile der Arbeiterklasse wohl wenig Verständnis dafür aufbringen sollten, für die Teilhabe an der herrschenden Klasse (Beispiel Regierender Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit) mit Homosexuellen zu demonstrieren.
So wichtig die sexuelle Frage auch für die Menschen – ob hetero-, bi-, homosexuell oder einfach individuell – ist, so bleibt doch die Hauptunterscheidung in dieser, der bürgerlichen Gesellschaftsordnung die Klassenfrage. Auch die Frauenfrage ist relevant, die sich auch in der homosexuellen Bewegung zeigt, denn die Lesben haben sich lang nicht so viele Freiräume erkämpfen können wie die Schwulen.

Die Kampffront an der sexuellen Frage eröffnen
Wir Kommunistinnen und Kommunisten sehen in der sexuellen Frage EINEN Ausdruck dieser herrschenden Verhältnisse, den es zu beseitigen gilt. Es kann nur Illusion bleiben, die sexuelle Befreiung im Rahmen der Klassengesellschaften, im Rahmen des Kapitalismus überwinden zu können – wenn auch ein gewisser Spielraum existiert, den es natürlich auszunutzen gilt.
Dieser Frage hat sich die kommunistische Bewegung – zumindest in Deutschland – bislang kaum gewidmet. Dies liegt auch an einem gewissen Wertkonservativismus innerhalb dieser Bewegung, den wir kritisieren und mit unserer Beteiligung an dieser Demonstration praktisch umsetzen wollen.


Für die sexuelle Befreiung!

Gegen die Kategorisierung der Menschen!

Gegen die Zwangsheterosexualität und die erzwungene Monogamie!

Für den Sozialismus!


 



 

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